Die Zeit zu wachsen

république 2015 11 16  1

Der Lütte rennt, springt, dreht sich um, hält an, schaut um sich herum. Er schlängelt sich vorsichtig zwischen unsichtbaren Pfosten, ein Fuß vor dem Anderen, Arme ausgebreitet, entlang einer Linie aus rosa Kreide. Er biegt auf die Blaue, dann die Grüne ab.
Sein Vater nimmt ihn an die Hand. Der Vater ist linkisch, zertrampelt die Zeichnungen. Er weißt nicht, wie schön es ist, wie kostbar, wie zerbrechlich ein so gigantisches Labyrinth ist.
Er erklärt dem Kind : das ist französisch, und das englisch, deutsch, italienisch. Und das ist chinesisch oder japanisch. Aus der ganzen Welt sind Leute hierher gekommen.
Der Junge schaut all diese Buchstaben an, die ihm nichts erzählen, so anders als die, die die Lehrerin an die Tafel zeichnet. Aber er versteht. Sein Vater ist anders als sonst.
Der Knabe lernt etwas wichtiges. Er bewahrt es auf, für später, ohne recht zu wissen, was es ist. Die Wörter. Der Tod, nicht einfach. Er fühlt etwas, das ist wichtig.

Heute morgen, im Schulhof, sind sie still geblieben und das war ähnlich. Ihm war kalt. Er sagt es seinem Vater, der ihn in seine Arme nimmt.
Der Körper des Kindes, warm, leicht. Es ist schön. Der Kopf auf dem Schulter. Zerbrechlich. Vertrauensvoll. Es ist Liebe.
Die Kreidezeichnungen auf dem Platz ziehen den Blick zu den Blumen, den Kerzen, den Gedichten. Die Augen des Kleinen strahlen von all diesen Farben, all diesen Lichtern. Bald ist Weihnachten. Frieden. Liebe. Wir haben keine Angst. Bilder, Namen.
Den Mann trifft es voll ins Gesicht. Erinnerungen. Schon gesehen, schon getan, am selben Ort, diese lächerliche Gesten, die aber warm halten. Es ist nicht so lange her. Genug um zu vergessen was es tat, damals. Und dann, plötzlich, boom, es explodiert in seinem Herz. Die selben Emotionen, die selben Blicke, die selben bewegungslosen Körper, aufgestellt vor diesen vergänglichen Opfergaben.
Nochmal dasselbe. Seine Kerze anzünden, dem Sohn helfen es zu tun. Damit er weiß, damit er lernt, sich später erinnern.
Alle andere anzünden, die vom Wind ausgelöscht wurden. Denken, dass ein Anderer, in kurze Zeit, dasselbe mit den ihren machen wird. Damit es ständig leuchtet.
Der Mann richtet sich auf. Stille. Stille in Paris.
Der Kopf geneigt. Kein Gebet. Braucht er nicht. Kein Gebet, kein Gott. Liebe reicht aus. Liebe reicht aus.
Liebe reicht aus.

Die Wörter, die Geste, die Farben, die Lichter. Am selben Ort. Es ist nicht so lange her. Bilder kommen wieder, vermischen sich.
Dem Kind blieb nur Zeit, ein Paar Zentimeter zu wachsen und schon müssen sie wieder kommen.

Wieviel größer wird er sein, nächstes Mal?

Théo Knock, 17. November 2015.

Wir müssen innerlich wachsen, sei es nur, um unseren Kindern wachsen zu helfen. Denn wie könnten wir wagen, ihnen ein Ideal vorzustellen, das wir bereit wären selbst zu verraten?
Théodore Monod.

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